Der Traubenwickler treibt sein Unwesen je nach Breitengrad jährlich in zwei oder gar drei Generationen. In nördlichen Gegenden verlässt eine erste Faltergeneration Ende April das Winterquartier und fliegt im Weinberg auf Hochzeitsreise. Die Weibchen legen anschliessend 40-60 Eier, aus denen kleine Räupchen - die Traubenwicklerfalter der zweiten Generation - erwachsen. Diese legen ihre Eier auf die Traubenbeeren, wenn sie etwa erbsengross sind. Die Junglarven, die sogenannten Sauerwürmer, bohren und fressen sich in die Beeren ein. Die Folge davon: Die Traube wird von Graufäule befallen und kann nicht mehr verarbeitet werden. Der Traubenwickler gilt in ganz Europa als gefürchteter Weinbauschädling. Je nach Witterung kann sich das Insekt fast explosionsartig vermehren und ganze Ernten vernichten. Wissenschaftler und Weinbauern wissen heute, wie man dem Bösewicht den Kopf verdrehen kann, ohne der Natur ins Handwerk zu pfuschen: die paarungsfreudigen Traubenwickler verwenden zur gegenseitigen Erkennung einen Sexuallockstoff. Das Weibchen gibt diese sogenannten Pheromone in winzigen Mengen aus der Hinterleibsdrüse ab. Die Männchen nehmen die Witterung via Sensorzellen an den Fühlern auf und können die Partnerinnen präzis orten. Der Kreislauf von Ei, Räupchen, Falter, Kopulation und Ei setzt sich dank diesem ausgeklügelten Signalsystem mit Erfolg fort. Dank den steigenden Sommertemperaturen der vergangenen Jahre genoss der Traubenwickler ideale Vermehrungsbedingungen. ...aber wo sind sie? Vor bald 15 Jahren gelang es der Wissenschaft erstmals, den Traubenwickler-Sexuallockstoff synthetisch herzustellen und die Paare durch die sogenannte «Verwirrungstechnik» an der Paarung zu hindern. Heute werden ganze Weinberge bestückt mit Ampullen, die solche künstlich hergestellten Pheromone freisetzen. Die angelockten Männchen fliegen aufgrund dieser Signale pausenlos umher und geben irgendwann erschöpft und verwirrt auf, ohne ein Weibchen gefunden und Nachwuchs gezeugt zu haben. Anstelle von unzähligen Jungen entstehen nur noch wenige Individuen aus Zufallsbegegnungen. Weniger Traubenwickler, gesunde Trauben Die Verwirrungstechnik kann als natürliche Massnahme bezeichnet werden. Sie stoppt die Vermehrung ohne Insektizide und belastet weder die Nützlinge im Rebberg noch Pflanzen oder Konsumenten. Gegner der Verwirrungstechnik gibt es dennoch. Sie befürchten, durch den Eingriff in die Fortpflanzungskette würden die Traubenwickler aussterben. Dies ist jedoch auch bei flächendeckendem Einsatz von Pheromonfallen nicht möglich: Trotz der Verwirrungstechnik finden immer wieder Falterpaare zusammen. Die Population wird nicht ausgerottet, sondern kontrolliert auf einem tiefen Niveau gehalten, um die Schäden im Rebberg auf ein Minimum zu begrenzen. In Europa werden bereits mehrere Tausend Hektar Rebland mit Pheromondispensern gegen Traubenwickler geschützt. Nicht bei jedem Schädling ist es jedoch so «einfach», eine fortschrittliche Form von biologischem Pflanzenschutz zu finden.